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Die kollektive Mutterwunde – der leise Schmerz nicht genug zu sein

  • Autorenbild: Tanja Hintze
    Tanja Hintze
  • 17. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Dez. 2025


Viele Frauen tragen einen Schmerz in sich, den sie kaum benennen können.

Er zeigt sich als Traurigkeit ohne klaren Anlass, als Erschöpfung, ständige Anspannung oder als das Gefühl, nie ganz genährt zu sein – selbst dann, wenn im Außen eigentlich „alles stimmt“.


Dieser Schmerz ist nicht nur individuell. Oft ist er Ausdruck dessen, was man die "kollektive Mutterwunde" nennt.





Was ist die kollektive Mutterwunde?



Die kollektive Mutterwunde beschreibt eine über Generationen weitergegebene Prägung, die aus Zeiten von Überforderung, Verlust, Krieg, Armut und fehlender Unterstützung entstanden ist. Viele Frauen mussten funktionieren, stark sein, durchhalten – oft ohne selbst gehalten zu werden.


Nicht aus Lieblosigkeit, sondern aus Not heraus konnten sie ihren Kindern nicht immer die emotionale Sicherheit geben, die sie selbst gebraucht hätten. Diese Erfahrungen wurden weitergegeben – nicht bewusst, sondern über Bindung, Körper und Nervensystem.





Wie zeigt sich die Mutterwunde im Alltag?



Die kollektive Mutterwunde kann sich sehr unterschiedlich äußern. Typisch sind zum Beispiel:


  • ein tiefes Gefühl von innerer Leere oder Sehnsucht

  • das Empfinden, immer „zu viel“ oder „nicht genug“ zu sein

  • Schwierigkeiten, Hilfe anzunehmen

  • starke Anpassung an andere

  • Schuldgefühle bei eigenen Bedürfnissen

  • das Gefühl, alles alleine tragen zu müssen

  • eine unterschwellige Traurigkeit oder Wut ohne klares Ziel



Oft entstehen innere Glaubenssätze wie:

Ich darf keine Last sein.“

Ich muss stark sein.“

Meine Bedürfnisse sind zu viel.“

Glaubenssätze, die über Generationen hinweg weitergeben wurden.




Auswirkungen auf Beziehungen und Mutterschaft



Die Mutterwunde wirkt sich nicht nur auf die Beziehung zur eigenen Mutter aus, sondern zeigt sich auch in Partnerschaften, Freundschaften und der eigenen Mutterschaft.


Viele Frauen erleben:


  • hohe Ansprüche an sich selbst als Mutter/Frau

  • Angst, emotional nicht zu genügen

  • Schuldgefühle bei Erschöpfung

  • Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen

  • eine innere Distanz/Gefühlslosigkeit als Schutz vor Überforderung



Obwohl viel Liebe da ist, kann genau dieser innere Widerspruch zwischen Liebe & Ambivalenz besonders schmerzhaft sein - denn auf einer tiefen, meist unbewussten Ebene entsteht dabei das Gefühl, zu versagen:


"Wenn ich so viel Liebe empfinde und es sich trotzdem nicht leicht, nicht erfüllt oder nicht „richtig“ anfühlt, dann muss etwas mit mir nicht stimmen."


Diese Versagensangst richtet sich häufig nicht nur nach außen, sondern vor allem nach innen. Sie kann dazu führen, dass Frauen beginnen, sich selbst zu misstrauen – ihrer Wahrnehmung, ihren Gefühlen, ihren Grenzen. Selbstliebe wird an Bedingungen geknüpft: "Ich darf mich nur annehmen, wenn ich ruhig bin, dankbar, liebevoll, belastbar. Nur dann bin ich wertvoll. Nützlich. Liebeswert."


In der Beziehung zum eigenen Kind kann sich diese Dynamik sehr fein zeigen. Aus Angst, nicht zu genügen, entsteht oft ein innerer Druck, alles richtig machen zu müssen. Eigene Erschöpfung, Überforderung oder ambivalente Gefühle werden dann schnell mit Schuld oder Scham belegt. Nicht selten folgt daraus eine unbewusste Abwehr: gegen die eigenen Bedürfnisse – und manchmal auch gegen das, was das Kind in uns berührt.


Diese Ablehnung ist selten laut oder bewusst. Sie zeigt sich eher als innerer Rückzug, als Taubheit, als das Gefühl, sich selbst oder dem Kind nicht ganz nahe kommen zu können. Nicht aus fehlender Liebe, sondern aus dem Versuch heraus, sich vor dem schmerzhaften Gefühl des Versagens zu schützen.





Ein kollektives Thema – kein persönliches Versagen



Wichtig ist:

Die kollektive Mutterwunde ist kein individuelles Scheitern und kein Zeichen mangelnder Fähigkeit zu lieben. Sie ist eine Anpassungsleistung des Systems an Umstände, die über lange Zeiträume hinweg wenig Raum für echte Fürsorge gelassen haben.


Dass dieser Schmerz heute spürbar wird, ist kein Rückschritt – sondern ein Zeichen dafür, dass viele Frauen beginnen, nicht mehr nur zu funktionieren.





Was heilt die Mutterwunde?



Heilung geschieht nicht durch mehr Anstrengung oder „es besser machen wollen“.

Sie geschieht auch nicht allein durch Verstehen.


Heilsam sind vor allem Erfahrungen von:


  • Gehaltensein

  • Co-Regulation

  • Sicherheit im Körper

  • Erlaubnis, bedürftig zu sein

  • Räumen, in denen nichts geleistet werden muss



Die Mutterwunde heilt dort, wo der Körper lernt:

Ich darf mich entspannen. Ich werde gesehen. Ich bin nicht allein.




Ein leiser Wandel



Die kollektive Mutterwunde ist kein Makel und kein persönliches Versagen.

Sie erzählt von einer tiefen Sehnsucht nach Halt, Verbindung und Daseinsrecht.

Vielleicht liegt ihre Heilung nicht darin, alles zu verstehen, aufzuarbeiten oder zu lösen.

Vielleicht geht es darum, neue Erfahrungen zuzulassen – von Achtsamkeit, Erlaubnis, Präsenz und Verbindung – die dem Nervensystem zeigen, dass Fürsorge heute möglich ist.


Nicht perfekt.

Aber menschlich.



 
 
 

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